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Chavín

PERUS GEHEIMNISVOLLER ANDEN-TEMPEL
  • Lanzón

    Lanzón
    Chavíns Hauptskultur, ca. 1100 v. Chr.,
    im Tempelinneren, 4m hoch.
    Foto: Yutaka Yoshii

  • Chavín de Huántar

    Im Hochland von Peru, hinter den Schneebergen der Cordillera Blanca, im engen Gebirgstal Callejón de Conchucos, liegt der monumentale Tempel von Chavín de Huántar. In Peru kennen alle den dreitausend Jahre alten Bau, hierzulande weiss kaum jemand von seiner Existenz.

    Die Menschen bauten dort, wo die Naturkräfte in aller Deutlichkeit zu spüren sind, bereits 2500 Jahre vor den Inka eine gewaltige Tempelanlage. Sie scheuten weder Arbeitsaufwand noch Kosten: Den harten Stein verarbeiteten sie kunstvoll und schmückten die Anlage mit riesigen Reliefs und rätselhaften Steinskulpturen. Sie leiteten reissende Gebirgsflüsse um, kreierten künstliche Wasserläufe und den Zusammenfluss zweier Ströme. Sie schufen mystische Rauschquellen im Tempelinnern und lenkten Sonnenlicht bis tief in die unterirdischen Räume und Gänge hinein – man muss den Göttern nahestehen, um solches durchsetzen zu können.

    Die neue Elite, vermutlich eine priesterliche Kaste, vermochte offenbar durch eindrücklichste Überzeugungsarbeit sozial hochstehende Entscheidungsträger unterschiedlicher Regionen an sich zu binden, und die konkurrierenden Zentren trieben sich wohl in dieser Überzeugungsarbeit ihrer Anhängerschaft gegenseitig zu Höchstleistungen an. Wahrscheinlich pilgerten privilegierte Anhänger zu bestimmten Zeiten zum Tempelkomplex. In der szenisch konzipierten und bebilderten Anlage wurden das neue Weltbild und sein Bedeutungssystem, welche die früheste komplexe Gesellschaftsform der Zentralanden zu tragen vermochten, sowohl geschaffen als auch vermittelt.

    Die Reste der massiven, aus Stein errichteten Gebäude zogen schon früh die Aufmerksamkeit von Reisenden und Gelehrten auf sich. Bereits um die Mitte des 16. Jahrhunderts berichtete ein Chronist von einer mächtigen Festungsanlage mit fremd anmutenden, riesigen Skulpturen und Gesichtern in deren Mauern. Anfangs des 17. Jahrhunderts war die Rede von einer mit Rom oder Jerusalem vergleichbaren Orakelstätte in dem engen, unwirtlichen und abgelegenen Hochtal.

    Im 20. Jahrhundert postulierte der peruanische Archäologie-Pionier Julio C. Tello, Chavín de Huántar sei der Ursprungsort der andinen Hochkulturen und Zentrum der Mutterkultur des Andenraumes. Im Zentrum seiner Forschung stand die über vier Meter hohe Hauptskulptur, die wegen ihrer langen und unten spitz zulaufenden Form «el Lanzón» genannt wird. Sie steht in einer äusserst engen und dunklen Kammer im Tempelinnern und ist nur durch einen langen, schmalen Gang erreichbar. Die menschengestaltige Figur zeigt, wie zahlreiche andere Skulpturen auch, raubkatzenartige Züge, Reisszähne und Krallen. Ähnliche Darstellungen finden sich in anderen Reliefs, weshalb Tello zur Annahme kam, im Tempelkomplex von Chavín sei die Gottheit Wiracocha angebetet worden – dieselbe Gottheit also, welche später von den Inka verehrt wurde –, und zwar in ihrer ursprünglichen Gestalt des Jaguars. Damit brachte er sowohl die Verbindung zum Amazonasgebiet als auch ein hohes Alter des Baukomplexes ins Spiel. In der Hauptstadt Lima vermochte die Präsentation der sogenannten Raimondi-Stele und des Tello-Obelisken, zwei Schlüsselskulpturen Chavíns, zudem, die These der Mutterkultur weiter zu festigen.

    Die frühen Zeremonialbauten wurden von landwirtschaftlichen Gesellschaften in den von ihnen bewirtschafteten Flussoasen errichtet und dienten als Ort der Zusammenkunft und als Platz für Riten und Gebräuche. Allmählich entwickelte sich eine soziale Schicht mit zunehmenden Besitzansprüchen sowie spezialisiertes Handwerk. Das Buhlen um Ressourcen und Anbauflächen spielte sich dabei auch über die konkurrierende Zurschaustellung immer grösserer lokaler Zeremonialbauten ab. Darstellungen von übernatürlichen mythologischen Mensch-Tier-Mischwesen nehmen dabei eine zentrale Rolle ein.

    Chavín de Huántar war damals nicht die einzige Tempelanlage, wenn auch vielleicht die grösste. Gleichzeitig existierten weitere Zentren wie Kuntur Wasi, Pacopampa oder Kotosh. Deren Ähnlichkeiten und Unterschiede zeigen, dass sie zwar zu einem gemeinsamen sozialen System und Weltbild gehörten, jedoch um Einflussnahme und Anhängerschaft buhlten, also auch Konkurrenten waren. Dank der enormen Faszination und der langen Forschungsgeschichte bietet die Tempelanlage von Chavín de Huántar heute ein einmaliges Fenster in eine Welt, die unsere westlich geprägten Vorstellungen von Kultur und Fortschritt zu erschüttern vermag. Nicht mit Waffengewalt und nicht mit Schrift, sondern mit Kunst, Musik und der Beeinflussung aller Sinne wurde in Chavín ein Weltbild eingeführt, das die Gesellschaft im Andenraum formte – und Chavín den Titel der «Mutterkultur» einbrachte.

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