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Streetparade der Götter

BRONZEKUNST AUS INDIENS DÖRFERN
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    Sirha der Göttin Kodei Mata
    Junge Männer tragen den Sirha, das Medium bzw. der Stellverteter der Göttin Kodei Mata auf Erden. Er antwortet als «Gottheit auf Erden» im Namen der Göttin auf Fragen von Gläubigen.
    © Cornelia Mallebrein

  • Tribales Indien im Museum Rietberg

    Die Ausstellungsbesucher werden eine neue, überraschende Bilderwelt sehen und erleben. Zu entdecken sind äusserst originelle, schöne, witzige, ästhetisch ungewöhnliche Objekte:
    Gesichter, die aus einer anderen Welt zu kommen scheinen, bewaffnete Reiter, als Göttinnen verkleidete Männer, Tänzer in Trance und schaukelnde Götter. Die gezeigten Figuren sind alles Unikate  und zeugen vom Einfallsreichtum der Metallgiesser.

    Die Besucher erfahren neben dem ästhetischen Erleben etwas über die diversen kulturellen, rituellen und religiösen Kontexte dieser Objekte. Über die individuellen Künstler, Giesser, ihre Namen oder Werkstätten ist zwar nur wenig bekannt, die Forschung auf diesem Gebiet steckt noch in den Kinderschuhen. Deutlich mehr wissen wir über ihre vermutliche rituelle Verwendung, wie der Katalogtext von Cornelia Mallebrein eindrücklich zeigt.

    Die Objekte verweisen jedoch auch auf eine düstere Wirklichkeit: Die Rückzugsgebiete der Adivasis sind zunehmend von der stark wachsenden indischen Volkswirtschaft bedroht. Vor allem der Abbau der vielen Bodenschätze (Holz, Kohle, Mienen, besonders die hohen Vorkommen an Edelmetallen) zwingen die Adivasis, ihren traditionellen Lebensstil aufzugeben und als landlose Tagelöhner, oft Leibeigene, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Mehr als 30 Millionen Menschen mussten allein Dämmen weichen, so schätzte die bekannte Romanautorin und Aktivistin Arundhati Roy. Seit den 1960er Jahren hat sich der Widerstand weiter formiert: Im Bastar-Gebiet stellt eine hoch motivierte Guerilla-Armee die Zentralregierung in Delhi zunehmend vor eine grosse Herausforderung.

    Die grossen ökologischen und kulturellen Veränderungen haben einen dramatischen Effekt auf die lokalen künstlerischen Traditionen. Schon 1951 bedauerte Verrier Elwin, einer der berühmtesten Forscher auf dem Gebiet indischer Stammeskunst: «We have begun too late; the great days of the Indian tribesman are gone; all we can do now is to search in the debris for traces of inspiration and scraps of beauty». Knapp 40 Jahre später stellte die Gastkuratorin der Ausstellung Cornelia Mallebrein fest, dass die Kunstgiesser im Bastar-Gebiet inzwischen ausschliesslich für den Kunstmarkt in Delhi arbeiten. Damit verbunden konstatierte sie einen  «Verlust» an Qualität: Die Figuren werden nicht mehr für den Kult oder die Verehrung produziert, die emotionale Bindung zwischen Göttern, Auftraggebern und -nehmern ist völlig weggebrochen. Die Giesser machen ihre Arbeit nicht mehr im Bewusstsein, ein Kunstwerk für eine Göttin zu produzieren, sondern handeln als reine Kunsthandwerker. Was zählt, ist der Preis. Für Touristen und Sammler produziert man im fernen Delhi, fernab der Dörfer, neue Figuren am Fliessband, mit neuer Ikonografie, in neuem Design.

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