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Carl Einstein - Wegbereiter der Kunst Afrikas

Sammlungsintervention, bis Ende 2015
  • Vor 100 Jahren veröffentlichte der deutsche Kunsthistoriker Carl Einstein (1885–1940) sein Buch «Negerplastik». Als einer der ersten erkannte Carl Einstein darin die Kunst Afrikas als gleichwertig mit der europäischen an. Diese Wertschätzung war in Zeiten von Evolutionismus und Kolonialismus aussergewöhnlich. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts interessierten sich jedoch immer mehr Künstler, wie Picasso, Braque oder Kirchner, für aussereuropäische Kunst, wenig später auch Kunsthändler und Sammler. In den Räumen der Afrika-Sammlung wird eine kleine Sammlungsintervention mit Objekten und Auszügen aus dem Buch «Negerplastik» gezeigt.

    Carl Einstein kam aus einer deutsch-jüdischen Familie und studierte unter anderem Philosophie und Kunstgeschichte. Um 1910 begann er sich auch für aussereuropäische Kunst zu interessieren, als er André Derain und Josef Brummer in Paris besuchte. Beide waren frühe Sammler und, im Fall von Brummer, auch Händler «primitiver» Kunst. Carl Einstein war ebenfalls im Besitz von einigen wenigen Artefakten aus Afrika.

    Im Jahr 1913 kuratierte Einstein in der Neuen Galerie in Berlin eine Ausstellung, in der afrikanische Stücke den Werken von Picasso, Derain und Matisse gegenübergestellt waren. Zugleich arbeitete Einstein an seinem Essay über die kubische Raumauffassung in der «Negerplastik». Während Einstein eine Kopfwunde, die er sich im Ersten Weltkrieg zuzog, auskurierte, wurde sein Text mit den Bildtafeln im Leipziger Verlag der weissen Bücher veröffentlicht. Viele der Schwarz-Weiss-Abbildungen kamen aus dem Fundus von Josef Brummer.

    Mit dem Buch «Negerplastik» wurde ein neuer Blick auf aussereuropäische Kunst eingeleitet: Als einer der ersten behandelte Carl Einstein Objekte aus Afrika nicht mehr als Zeugnisse der Primitivität von anderen Völkern, sondern als Kunstwerke, die formal und ästhetisch gleichwertig mit der Kunst Europas zu behandeln seien. Trotz der zumeist positiven Rezeption gab es auch Kritik: Einstein beleuchtete in seinem Buch weder Herkunft noch Funktion der Objekte. Erst für die zweite erweiterte Fassung «Afrikanische Plastik» (1921) integrierte er auch kulturhistorische Quellen und Informationen, die er sich als in Belgien stationierter Verwaltungsbeamter angelesen hatte. Trotz seiner Leidenschaft für Afrika ist er nie nach dort gereist.

    Auf der Suche nach künstlerischen Alternativen wurde «Negerplastik» zur wertvollen Inspirationsquelle für die Avantgarde. Das kleine Büchlein war im Besitz vieler namhafter Künstler. Text und Fotos trugen zur Popularität des Primitivismus in der europäischen Avantgarde bei. In seinem kurzen Essay philosophierte Carl Einstein über die dreidimensionale, plastische Auffassung von Raum. Für ihn waren die afrikanischen und ozeanischen Skulpturen eine Urform des Kubismus in Europa.

  • Eine ebenso starke Wirkung auf die Künstler der Avantgarde hatte der zweite Teil von «Negerplastik»: die Bildtafeln von 94 ausgewählten Skulpturen aus Afrika, Ozeanien und Südostasien. Die Schwarz-Weiss-Hochglanzfotos waren nach ästhetischen Kriterien kunstvoll gegenübergestellt. Als einer der ersten Male wurden aussereuropäische Objekte in solch einer Quantität, Diversität und Qualität publiziert. Zu diesem Kanon der globalen Kunst gehörten auch vier Objekte, die als Schenkung von Eduard von der Heydt zum Grundstock der Sammlung des Museums Rietberg gehören.

     

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    Das Buch «Negerplastik» (erschienen im Jahr 1915)

     

    Für die Rezeption der Kunst Afrikas hatte Carl Einstein eine Mittlerrolle zwischen Avantgarde-Künstlern und Kunsthandel inne. Zeitlebens war Carl Einstein aber nicht nur Kunstkritiker, Autor von wichtigen Werken zur europäischen Kunstgeschichte («Die Kunst des 20. Jahrhunderts», 1926) oder Redaktionsmitglied von verschiedenen Zeitschriften (z.B. «Documents»), sondern verband sein intellektuelles und ästhetisches Interesse auch mit politischem Engagement. Auf der Flucht vor den deutschen Truppen wählte er 1940 den Freitod. Erst in den letzten Jahren wurde die Bedeutung von Carl Einstein als Impulsgeber für die Auseinandersetzung der Moderne mit der Kunst Afrikas wiederentdeckt. 

     

    Handout, inkl. Objekttexte (pdf) »

     

    Literatur

    Einstein, Carl:Negerplastik, Leipzig 1915.

    Museo Nacional Centro de Arte Reina Sofia (Hrsg.): The Invention of the 20th Century.Carl Einstein and the Avant-Gardes, Madrid 2009.

    Fischer, Eberhard und Lorenz Homberger (Hrsg.):Afrikanische Meister. Kunst der Elfenbeinküste, Zürich 2014.

    Neumeister, Heike M.: Notes on the «Ethnographic Turn» of the European Avant-Garde: Reading Carl Einstein’s Negerplastik (1915) and Vladimir Marko’s Iskusstvo Negrov (1919), in:Acta Historiae Artium, 49, 2008: S. 172–185.

    Strother, Z.S.: Looking for Africa in Carl Einstein’s Negerplastik, in:african arts, 46, 4, 2013: S. 8–21.

    Kuratoren
    Michaela Oberhofer und Luca Stoppa

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