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Provenienzforschung am Museum Rietberg

  • China, Ming-Dynastie, 13.-14. Jh., RCH 158
    Eines der 2010 entschädigten Objekte aus dem Eigentum Oppenheimer.
    Unter Provenienzforschung versteht man die möglichst lückenlose Erforschung der Herkunft eines Objekts von der Entstehung bzw. Entdeckung bis zum heutigen Standort. Im Bereich der aussereuropäischen Kunst gibt es international gesehen noch kaum Forschungen, womit das Museum Rietberg Pionierarbeit leistet.

    Die moralische Verpflichtung seit 1998
    Im Dezember 1998 unterschrieben Vertreter der Schweizerischen Eidgenossenschaft die Washingtoner Erklärung, an der sich 44 Staaten zur Identifikation von Raubkunst verpflichteten. Sie bekannten sich damit zu aktiver Provenienzforschung. Mit dem seit 2008 laufenden Forschungsprojekt im Bereich Provenienzforschung unterzieht das Museum Rietberg vorerst seine Gründungssammlung Eduard von der Heydt einer genauen Überprüfung. Gleichzeitig leistet es einen Beitrag an einen bisher kaum aufgearbeiteten Aspekt der Geschichte des Kunsthandels und des Sammelwesens im Bereich der aussereuropäischen Kunst in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Recherchen münden ausserdem in eine neue Monografie zum Sammler Eduard von der Heydt, die 2012 beim Prestel-Verlag erscheinen soll.

    Die Sammlung Eduard von der Heydt
    Die über 1500 Objekte umfassende Sammlung von Eduard von der Heydt (1882–1964), die er durch einen Leih- und Erbvertrag im Januar 1946 der Stadt Zürich vermacht hatte und die 1952 zur Gründung des Museums Rietberg führte, wurde mehrheitlich in den 20er-, 30er- und 40er-Jahren des 20. Jahrhunderts erworben. Unser Augenmerk gilt vor allem der Zeit des Nationalsozialismus und den Fragen: Wie viele und welche Werke hat Eduard von der Heydt unter welchen Bedingungen und wo erworben?

    Bereits 1924 publizierte der Kunsthistoriker Karl With 50 Kunstwerke aus der Sammlung Eduard von der Heydt unter dem Titel «Bildwerke Ost- und Südasiens aus der Sammlung Yi Yuan». 1932 folgten zwei über 220 Werke umfassende, von Fachexperten erarbeitete Sammlungskataloge («Asiatische Plastik», «Kunst der Naturvölker»), die explizit auch den Eigentümer nannten. Zahlreiche Ausstellungskataloge dokumentieren die Zeit zwischen 1932 und den ersten Sammlungskatalogen des Museums Rietberg («Afrikanische Skulpturen», 1959; «Chinesische Skulpturen», 1959; «Indische Skulpturen», 1964; «Südsee», 1969; «Indianisches Amerika», 1971; «Bronzen aus dem alten China», 1975).

    Medienspiegel

    «Der Fall Gurlitt: Fokus Provenienzforschung»
    Radio SRF 2 Kultur, Sendung Reflexe, 19.11.2013 

    «Es geht um den Umgang mit der Geschichte»
    Neue Zürcher Zeitung NZZ,  27.07.2013

  • Rosa und Jakob Oppenheimer
    Bei fünf Kunstwerken, von denen heute noch vier im Museum Rietberg sind, hat sich herausgestellt, dass Eduard von der Heydt sie auf einer Auktion bei Paul Graupe in Berlin (22. und 23. März 1935), wo die Bestände der Firma Dr. Otto Burchard & Co in Liquidation zur Versteigerung kamen, erworben hat. Die jüdischen Eigentümer Rosa und Jakob Oppenheimer, die neben der Galerie Burchard weitere Kunsthandlungen und damit einen umfangreichen Kunsthandelskonzern besassen, mussten bereits Anfang 1933 vor den Nationalsozialisten fliehen und ihr Firmenimperium aufgeben. Ihr ganzer Konzern wurde von den Nationalsozialisten zerschlagen und die Bestände versteigert. Nach Verhandlungen mit der Vertreterin der Erbengemeinschaft Oppenheimer hat das Museum Rietberg die vier Objekte in der Höhe des Handelswertes der Objekte entschädigt.

    Zur Provenienz der Südsee-Sammlung
    Im Jahr 2011 befasste sich die Provenienzforscherin des Museums, Esther Tisa, vor allem mit der Südsee-Sammlung. Sie hatte aufgrund einer Einsichtnahme in die im Völkerkundemuseum Hamburg archivierten Geschäftsbücher der Firma J.F.G. Umlauff, eines der wichtigsten Ethnographica-Händler vom Beginn des 20. Jahrhunderts, bisher unbekannte Fakten über die Provenienz der Südsee-Sammlung von Eduard von der Heydt gewinnen können. So geht aus diesen Akten hervor, dass von der Heydt am 22. Februar 1926 bei Umlauff in Hamburg mehr als 1000 ozeanische Objekte erworben hat. Die schönsten Stücke dieser Erwerbung – Masken, Figuren, Schilde, Nackenstützen sowie Tanzhandhaben – hat von der Heydt nur drei Monate nach dem Kauf als Leihgaben in die Ausstellung «Südsee-Plastiken» gegeben. Diese Ausstellung wurde vom berühmten deutschen Kunsthändler Alfred Flechtheim (1878–1937) unter Flechtheims Namen zwischen Mai 1926 und Anfang 1927 an mehreren Orten, darunter auch im Kunsthaus Zürich, ausgestellt. Das Vorwort zum Katalog verfasste der Kunsthistoriker Carl Einstein (1885–1940).

    Eduard von der Heydt, der wenig Interesse an seiner Südseesammlung zeigte, versuchte nach dieser Ausstellungstournee die Sammlung über die Galerie Flechtheim zu verkaufen. Dies gelang jedoch nicht. Während des Krieges gingen von der Südsee-Sammlung über 200 Objekte in Frankreich bei der Evakuierung aus Paris verloren, weitere mehrere Hundert Objekte verschenkte Eduard von der Heydt in der Nachkriegszeit an Museen, wo die Objekte als seine Leihgaben in der Zwischenzeit gelagert und ausgestellt waren, so unter anderem nach Paris, Köln und St. Gallen. Das Museum Rietberg verwahrt heute nur noch einen Restbestand der ursprünglichen, 1926 erworbenen Südsee-Sammlung von Eduard von der Heydt.

    Der Tages-Anzeiger publizierte am 26. August 2011 einen Artikel mit dem Titel «Zeigt das Museum Rietberg Raubkunst?» und bezog sich auf Südsee-Objekte des Museums, die ursprünglich nicht Eduard von der Heydt, sondern Alfred Flechtheim gehört hätten und die dem jüdischen Kunsthändler unrechtmässig infolge seiner Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime abhanden gekommen seien. Das wichtigste Forschungsergebnis, dass von der Heydt diese Stücke 1926 erworben hatte und ihm gehörten, blieb unerwähnt. Um dem Vorwurf und dem Verschweigen unseres wichtigen Forschungsergebnisses entgegenzutreten, veranstaltete das Museum Rietberg am 31. August eine Medienkonferenz. Sowohl der Tages-Anzeiger wie auch die Neue Zürcher Zeitung stellten tags darauf die vom Museum Rietberg präsentierte Faktenlage dar.  

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